Rund 20 Zuhörer und Zuhörerinnen konnte Reimund Jochheim als 1. Vorsitzender des Fördervereins am vergangenen Freitag (23.01.2026) im Dörfergemeinschaftshaus „Alte Schule“ zur Fortsetzung der traditionsreichen Vortragsreihe begrüßen.
Als Referent war Lars Kirsch gewonnen worden, der bereits im März 2023 zu den Anfängen der sozialistischen Agrarpolitik in der ehemaligen DDR vorgetragen hatte.

Referent und Publikum
Darauf aufbauend befasste er sich am vergangenen Freitag mit der Kampagne „Industriearbeiter aufs Land“ in der DDR der 1950er Jahre. Besonderes Interesse fand dabei die umfangreiche Auswertung von Gesprächen mit Zeitzeugen im heutigen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern.

Zeitgenössisches Werbeplakat
Die ab Anfang 1953 umgesetzte Kampagne betraf insgesamt ca. 100.000 – überwiegend politisch geschulte – Industriearbeiter und -arbeiterinnen aus allen Teilen der DDR, die mehr oder weniger freiwillig eingesetzt wurden, um "fern der Heimat" in landwirtschaftlichen Betrieben zu arbeiten. Bei dieser staatlichen Arbeitskräftesteuerung ging es aber nicht nur um tatsächliche Arbeitsleistung, vielmehr sollten die Industriearbeiter auch kulturell und erzieherisch auf die Dorfbevölkerung einwirken! Dies erfolgte u.a. im Rahmen von Patenschafts- und Freundschaftsverträgen sowie durch staatlich verordnete Zusammenarbeit.
Durch diese gezielte Stärkung des ländlichen Raumes sollte der einsetzenden Landflucht entgegengewirkt werden, insgesamt litt dieser Versuch aber durch eine sehr bürokratische Struktur und Ablauforganisation.
Die Essenz der Zeitzeugengespräche war, dass sich viele der eingesetzten Industriearbeitskräfte in ihrer neuen Umgebung nicht sonderlich wohl fühlten: Zur Sprachbarriere (Damals wurde im Nordosten der ehem. DDR überwiegend Plattdeutsch gesprochen!) kamen eine sehr kritische Wohnraumsituation, Heimweh und vor allem auch häufig völlig fehlende landwirtschaftliche Kenntnisse und Fertigkeiten. So taten sich die „neuen Nachbarn“ oftmals ausgesprochen schwer mit dem Ankommen, mit dem Gefühl, willkommen zu sein oder gar mit dem Wurzelnschlagen.
Auf die Frage, ob diese Kampagne ein Erfolg war, hatte der Referent weder durch Auswertung der vorhandenen Unterlagen noch durch die Gespräche mit Zeitzeugen eine eindeutige Antwort finden können. Einerseits wurden eine Reihe von Leitungspositionen durch Teilnehmer der Kampagne besetzt und der massive Arbeitskräftemangel auf dem Lande konnte gedämpft werden. Andererseits blieb der geforderte erzieherische und kulturelle Einfluss der Industriearbeiter gering; außerdem brachen viele Arbeiter ihre Teilnahme vorzeitig ab. Festzuhalten blieb, dass letztendlich mehrere Nachfolgekampagnen nach diesem Vorbild organisiert wurden. Dies trug insgesamt mit dazu bei, dass sich Besitzverhältnisse, Strukturen und Abläufe in der Landwirtschaft der DDR völlig veränderten.
Nachdem Lars Kirsch noch eine Reihe von Fragen beantworten musste, dankte ihm der 1. Vorsitzende des Fördervereins für seinen abermals hochinteressanten Vortrag. Auch in den sich anschließenden Gesprächen konnte der Referent noch auf das eine oder andere Detail dieser Kampagne eingehen.

Zur Erfrischung beim Stöbern in staubigen Akten
Bereits im wenigen Wochen wird die Vortragsreihe fortgesetzt: Am 6. März ab 19.00 Uhr stellt Adolf Köthe den Alltag in den Aufbaujahren Munsters vor. Wir freuen uns auf ein „volles Haus“, wenn wir gemeinsam eintauchen in die 1950er bis 1970er Jahre.
